Ich ging über einen Markt in Saint Marc, Haiti. Es war nur ein kleiner Markt mit ein paar Obstständen, einer Schleifmaschine für Messer und ein paar anderen Ständen. Um mich herum der typische Verkehrslärm, gemischt mit den Stimmen vieler Menschen. Ich sah ihn nur aus dem Augenwinkel. Ich wusste gleich, dass etwas anders war. Er tastete sich an der Wand seines Hauses entlang zur Tür. Einige Tage später kamen wir wieder an dem Haus vorbei, klopften an die Tür und wurden eingeladen in das Leben eines Mannes, den ich niemals wieder vergessen werde - Ernest.

Dies ist der Beginn einer Geschichte, die uns als photogenX DTS während dem Einsatz in Haiti sehr bewegt hat.

Die Mission

Unser Wunsch war es, hinter das zu schauen, was wir als Haiti kannten - eine gescheiterte Nation voller Armut, in der der Wiederaufbau, wenn überhaupt, nur sehr langsam voranging.

Ausgestattet mit unserer Kamera, einem kleinem Notizbuch und einem Stift sind wir in den Straßen von GonaivesSaint Marc und Port-au-Prince auf Entdeckungsreise gegangen.

 

Die Kinder

Die Haitianischen Kinder überraschten uns mit ihrer unglaublicher Kreativität. Aus Müll, machten sie Autos, kleine Drachen, Schaukeln - Spielzeugen mit denen sie dann spielen konnten. Jeden Tag verbrachten sie Stunden damit, sich gegenseitig die Haare zu stylen.

Allerdings hatten viele dieser Kinder bereits Geschichten, wie alte Kriegsveteranen sie ihren Enkelkinder erzählen können. Im Erdbeben verloren sie ihre Familie, ihr Zuhause, alles was ihnen Halt gegeben hat. Nun müssen sie sich auf sich selbst verlassen -  in einer Welt, in der Kinder nicht zählen.

Aber in all dem, verlieren sie doch nicht ihre Kreativität und ihre Träume. Viele erzählen uns, dass sie später Arzt werden wollen, weil es davon viel zu wenige gibt. Ob sie das wirklich schaffen?

Englischunterricht, Hip-Hop, Rucksäcke...

Wir lernten Widner, ein junger Mann, kennen , der das Glück hatte, mit einem Seemann befreundet zu sein. Wann immer dieser Seemann mit seinem Schiff am Hafen war, brachte er ihm ein wenig Englisch bei. Da Widners Englisch mittlerweile recht gut ist, möchte er solch ein "Seemann" für andere Menschen sein.

Er gründete einen Club, um anderen zu helfen Englisch zu sprechen. Jeden Sonntag trifft sich eine Gruppe von 15 bis 30 Leuten in einem altem Schulgebäude, um Englisch einfach  zu sprechen.

Sony, einer seiner Freunde, liebt Musik und macht erstaunlich guten Hip-Hop. Zur Zeit arbeitet er an seinem ersten Album. 

Wir lernten Sonson kennen, der die Idee hatte, aus Plastiksäcken Rucksäcke zu machen. Als Vorlage dienten ihm normale Rucksäcke, die er versuchte nachzubauen, um zu lernen, wie sie gemacht werden. Das war vor ungefähr acht Jahren.

Heute produziert er alles Mögliche wie z,B, Brieftaschen, Mützen, Schuhe, Hosen oder Regenjacken. Die Vielzahl seiner Produkte wächst mit der Größe seines Unternehmens. Mittlerweile arbeiten viele seiner Freunde für ihn, indem sie die Produkte verkaufen. Und da er guten Kontakt zum JMEM Zentrum in Saint Marc hat, gibt es für ihn dort einen großen Markt: viele internationale Team kommen und gehen und kaufen seine einzigartigen Produkte.

Auch wenn diese Menschen nicht so viele tolle Möglichkeiten haben wie wir, halten sie doch an ihren Träumen fest und versuchen sie umzusetzen - auch wenn dies unmöglich scheint. 

 

 

Besonders bei alten Menschen fanden wir immer wieder die Einstellung "was auch immer kommt - wir werden nicht aufgeben". Sie mussten mit Erdbeben, Wirbelstürmen, Bürgerkriegen und anderen - auch persönlichen - Katastrophen zurecht kommen. Immer wieder haben sie alles verloren - Haus, Arbeit oder Familienangehörige. Müsste ich immer und immer wieder von Neuem beginnen - ich persönlich hätte da wohl aufgegeben. Doch diese Leute hören nicht auf.

Ernest

Wir trafen diesen Mann - Ernest. Er ist ein Automechaniker, der vor fünf Jahren erblindete. Ohne Hilfsmittel oder Menschen, die ihm beibringen konnte, wie man als Blinder lebt, fing er an herauszufinden, wie man als Blinder sich fortbeweget, sich orientiert oder herausbekommt wie spät es ist. Er hat einfach nicht aufgegeben.

"es ist alles die Gnade Gottes"

Nach drei Jahren war er in der Lage sein Haus erstmals wieder zu verlassen. Er lebt in einem Haus mit vier Wänden und ohne Dach, welches während eines Sturms zerstört wurde. Ein Bettgestell aus Metall, auf dem eine Holzplatte liegt, ist sein Bett - das ist alles.

Auf die Frage, woher er die Kraft nimmt, immer wieder neue Wege zum Überleben zu finden, sagte er nur: "Menschen halten mich für einen starken Menschen, aber der bin ich nicht - es ist alles die Gnade Gottes!"

Tour durch Deutschland

Geschichten wie diese haben wir auf unserer zweiwöchigen Tour durch Deutschland erzählt, um "die andere Seite" eines Landes zu zeigen. 

Mit dem Geld, dass für Haiti gespendet wurde, ohne das wir darum gebeten hatten, waren wir in der Lage Ernest ein Dach für sein Haus zu finanzieren. Zusätzlich konnte das Haus noch neu gestrichen werden, er bekam ein neues Bett und hat jetzt ein Schloss an seiner Tür.

Ausserdem haben wir zwei Kalender produziert, die wir verkaufen. Einen haben wir den Kindern Haitis gewidmet, da sie Haiti in Zukunft prägen werden. Mit dem anderen Kalender erzählen wir nicht nur von Kindern, sondern auch den Großen und der Kultur. Mit den Einnahmen unterstützen wir unterschiedliche Projekte in Haiti, welche wir während unsere Zeit dort kennen lernen durften.

Darum geht es bei photogenX: Eine Stimme für die Menschen zu sein, die keine eigene Stimme haben und ihnen mit unserer Stimme zu helfen.